Liebe Gemeinde,
für den Kreuzweg der Männerschola sind wir immer auf der Suche nach unterschiedlichen Kreuzwegmotiven.
Im italienischen Dom von Mantua ist Robert auf unseren heutigen Kreuzweg gestoßen und hat uns seine Fotos vom Kreuzweg mitgebracht. Dort im Dom hat der italienische Künstler Andrea Jori im Jahre 1996 seinen Kreuzweg „La Via Crucis“ – „Der Weg des Kreuzes“ installiert. Dieser ist aus Terrakotta gestaltet - eines der Materialien, mit den Andrea Jori besonders gerne seine Kunstwerke mit den Händen aus der fruchtbaren Erde ausarbeitet. Die einzelnen Stationen werden durch die Terrakotta plastisch und zum Leben erweckt.
Dort vor Ort im Dom leben die Stationen vom Lichteinfall und Blickwinkel. Dieses können die Fotos jedoch leider nicht ganz wiedergeben.
Lassen Sie sich nun darauf ein, unseren Gedanken zu den 15 Stationen zu folgen und geben Sie ebenso Ihren eigenen Gedanken den notwendigen Freiraum.
Betrachten wir zusammen, wie Jesus aus Liebe zu uns leidet und beginnen wir im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, Amen.
Gemeindelied: Aus der Tiefe rufe ich zu dir… (GL 283)
1. Station: Jesus wird zum Tode verurteilt
Im Lukasevangelium lesen wir:
Pilatus rief die Hohepriester und die anderen führenden Männer und das Volk zusammen und sagte zu ihnen: Ihr habt mir diesen Menschen hergebracht und behauptet, er wiegle das Volk auf. Und siehe, ich selbst habe ihn in eurer Gegenwart verhört … Ihr seht also: Er hat nichts getan, worauf die Todesstrafe steht. Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann freilassen. Da schrien sie alle miteinander: Weg mit ihm; lass den Barabbas frei!
… Pilatus aber redete wieder auf sie ein, denn er wollte Jesus freilassen. Doch sie schrien: Kreuzige ihn, kreuzige ihn!
Zum dritten Mal sagte er zu ihnen: Was für ein Verbrechen hat er denn begangen? Ich habe nichts feststellen können, wofür er den Tod verdient. Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann werde ich ihn freilassen.
Sie aber schrien und forderten immer lauter, er solle Jesus kreuzigen lassen, und mit ihrem Geschrei setzten sie sich durch. Da entschied Pilatus, dass ihre Forderung erfüllt werden solle. Er ließ den Mann frei, der wegen Aufruhrs und Mordes im Gefängnis saß und den sie gefordert hatten. Jesus aber lieferte er ihrem Willen aus. (Lk 23,13-25)
Betrachtung zum Bild:
Wie sehen in der linken Seite eine Person mit einer Krone stehen, die mit dem linken Arm auf eine kniende Person herrisch deutet. Dieser sind anscheinend die Hände auf dem Rücken gefesselt. Die Szene spielt vor einem Haus und man sieht einige Andeutungen von Gesichtern. Ist es die Verkündung des Urteiles?
Wir wollen beten:
Gott, wie oft werden Entscheidungen ohne sachliche Grundlage getroffen, die katastrophale Folgen haben?
Wer ist hier der Richter? Das Volk? Die Hohenpriester? Pilatus?
Hilf uns eigene Entscheidungen zu treffen, auch gegen die vorherrschende Meinung,
Hilf uns, gut zu sein.
Darum rufen wir zu dir: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre, o Herr, meine Stimme. (GL 511)
Zugehörige Liedstrophe (GL 779,1):
Ich sehe dich, o Jesus, schweigen / da dich die Welt verdammt zum Tod; /
Ach, lass dich zum Erbarmen neigen, / wann du als Richter kommst, o Gott.
2. Station: Jesus wird gegeißelt und muss sein Kreuz tragen
Dazu schreibt Lukas 23,16-20:
Daher will ich ihn auspeitschen lassen und dann frei lassen. Da schrien sie alle miteinander: Weg mit ihm: lass den Barabbas frei! Dieser Mann war wegen eines Aufruhrs in der Stadt und wegen Mordes ins Gefängnis geworfen worden.
Betrachtung zum Bild:
Der Künstler modelliert den Kreuzweg in einer speziellen offenporigen Tonart, Terrakotta.
Er fügt die einzelnen Elemente zu einem Relief zusammen. Im Detail ausgearbeitet sind nur die beiden Köpfe von Jesus und einem Soldaten.
Der Soldat holt mit einem Stock zum Schlag aus, wobei die angedeutete Körperdrehung erahnen lässt, mit welcher Wucht der Schlag Jesus treffen wird. Das Gesicht ist nicht auf Jesus hin ausgerichtet, sondern schaut in die Ferne, eventuell zu seinen Vorgesetzten, um erkennen zu können, ob er alles richtig gemacht hat.
Jesus ist an einen Baum oder eine Säule gebunden, die Hände geöffnet, hilfesuchend nach oben gerichtet. Die Schmerzen der vorangegangenen Schläge lassen ihn in die Knie gehen. Das Gesicht mit dem geöffneten Mund ist nur im Profil dem Betrachter zugewandt. Die Augen sind geschlossen, gegen den Himmel gerichtet.
Der Menge, die bei all dem zuschaut, reicht es nicht, dass Jesus zum Tode verurteilt wird. Er soll auch gedemütigt, zerbrochen werden. Seinen Gefolgsleuten soll gezeigt werden, wie es jemanden ergeht, der sich gegen die „Macht im Lande, gegen die Meinung des Volkes“ stellt.
Heute, 2000 Jahre später, fühle ich mich oft selber in einer Mischung aus Zorn, Wut und Hilflosigkeit durch äußere Zwänge gefangen. Und ich fürchte, dass ich mit meinem Empfinden nicht alleine bin.
Wir wollen beten:
Herr Jesus, hilf uns wieder auf, damit wir trotz all der vielen schrecklichen Meldungen in unserem Land und auf der Welt, der teilweise bewusst falschen Informationen, immer wieder den Mut und die Zuversicht haben, uns all diesen schrecklichen Dingen entgegenzustellen. Denn nur dann verlernen wir nicht die frohe Botschaft und die Freude, damit sie in unsere Familien, in unser Umfeld ausstrahlt und erfahrbar wird.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Ich sehe dich das Kreuz umfangen, / aus Liebe trägst du alle Schmach, /
so bist du selbst mir vorgegangen, / ich folge dir, mein Jesus nach.
3. Station: Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz
Der Prophet Jesaja schreibt:
Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! Sagt den Verzagten; Seid stark, fürchtet euch nicht! (Jes 35, 3-4)
Bildbetrachtung:
Ein gebrochener, ja buchstäblich zerbrochener Jesus liegt am Boden, den Blick ermattet nach unten gerichtet. Das Kreuz ist unter ihm begraben. Ein Soldat mit einem wehenden Gewand, nahezu aufrechtstehend, zerrt an seinem Arm und versucht, ihn wieder hochzuziehen.
Vom Kreuz ausgehend sind auf dem Tonscherben Linien, gleichsam wie Strahlen, nach oben gegen den Himmel gerichtet. Sie wirken auf mich wie ein Hilferuf Jesu. O Gott komm mir zu Hilfe. Und dieser Hilferuf verhallt nicht ungehört. Links oben auf der Tafel ist eine Figur ersichtlich, ein Engel, der seine Hände nach Jesus ausstreckt und signalisiert: Du bist nicht allein. Das vom Künstler verwendete Material Ton zeigt eindrücklich die Zerbrechlichkeit des Menschen. So wie das Material durch den Brand rissig und zerbrechlich wird und irgendwann wieder zu Erde wird, so wird auch der Mensch zur Erde zurückkehren, denn von ihr ist er genommen. Wie es im Buch Genesis (3,19) heißt. Denn Staub bist du, und zum Staube wirst du zurückkehren!
Wir wollen beten:
Gott, unser Vater, viele Menschen brechen unter der Last zusammen, die Ihnen auferlegt wird. Sei es durch Krankheiten, finanzielle Sorgen, einer ungewissen Zukunft, Streitigkeiten in der Familie oder auch durch die Sorge um den Arbeitsplatz. Hilf Ihnen, ihre Ängste und Nöte zu überwinden. Gib Ihnen Mut und Kraft und halte sie geborgen in deinen Armen.
Amen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Du fällst, o Jesus, hin zur Erde, / dich drücket meiner Sünden Last; /
o dass mein Herz erweichet werde, / da du so viel gelitten hast.
4. Station: Jesus begegnet seiner Mutter
Beim Evangelisten Lukas lesen wir:
Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. (Lk 2,34f)
Bildbetrachtung:
Natürlich ist auf den ersten Blick der rohe Ton die zentrale Komponente; gefaltet, geknetet, scheinbar unfertig mit ein paar blauen Glassteinen versehen. Geschmolzene Glassteine, die für den Künstler auch einen Übergang von der realen physischen Welt hin zu einer höheren nicht unmittelbar erfassbaren Welt darstellen. Doch beim genaueren Hinsehen sind es eigentlich vier Teile, die sehr genau und ganz fein herausmodelliert sind. Natürlich als erstes das Kreuz, das ganz ungewöhnlich mit dem langen unteren Bereich nach vorne getragen wird. Als wenn Jesus sich immer wieder daran festhalten und abstützen würde, deren Enden sich in einer undefinierbaren Tonmasse auflösen. Unter dem Kreuz, mit dem Blick eher nach unten geneigt als zu seiner Mutter, das Gesicht Jesus mit einer stilisierten Dornenkrone. Markant der blaue Stein an seiner Schläfe, als das verbindende Element zwischen dem Dasein jetzt auf der Erde und dem Himmel. Die halb gesenkten müden Augen, gezeichnet vom bisherigen Leidensweg. Und Ihm gegenüber eine fast mädchenhafte Maria. Ihr Gesicht mit den offenen Augen und mit einer linken geöffneten Hand, als wenn sie sich ihrem Sohn nähern wollte, um ihn zu umarmen. Ein fragender Blick: Muss das alles sein, ist der Preis nicht zu hoch, den du dafür zahlst? Doch das eigentliche Zentrum des Bildes wird beherrscht von den ausgestreckten Armen mit den beiden Händen, die sich wie bei Michelangelos Bild „Die Erschaffung des Adams“ nicht berühren. Ob es zu einer Berührung vorher gekommen ist oder es nach diesem Augenblick erst geschieht, wissen wir nicht. Auf der einen Seite das Göttliche, auf der anderen Seite die besorgte Mutter, wohl wissend, was passieren wird. Der Künstler belässt es bei der Distanz. Eine mögliche Verbindung zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen aber deuten die fast senkrechten Glasstücke hinter den beiden Händen an. Bei Andrea Jori bleibt hier vieles noch offen. Beantwortet werden wird es in seiner 15. Station: Jesu Sterben soll nicht umsonst gewesen sein.
Wir wollen beten:
In Kalavrita in Griechenland haben die Nazis im 2. Weltkrieg die ganze männliche Bevölkerung aus reiner Willkür und auch Kinder mit 12 Jahren vor den Augen Ihrer Mütter erschossen. Wir haben es in der Ukraine gesehen und in Israel, welche Kreuzwege Mütter und Söhne haben gehen müssen und noch gehen werden. Gib uns die Kraft und vor allem den Mut, dagegen die Stimme zu erheben und nicht gesenkten Hauptes darüber hinwegzusehen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Dazugehörige Liedstrophe:
O Sohn, o Mutter, eure Herzen/ sind ganz versenkt in Traurigkeit; /
ach, teilet mit mir alle Schmerzen. / lasst mich empfinden euer Leid.
5. Station: Simon, der Zyrenäer, hilft Jesus das Kreuz tragen.
Lukas überliefert uns in seinem Evangelium:
Als sie Jesus hinausführten, ergriffen sie Simon, einen Mann aus Kyrene, der gerade vom Feld kam. Ihm luden sie das Kreuz auf, damit er es hinter Jesus hertrage. (Lk 23,26)
Bildbetrachtung:
Jesus bricht unter der Last des Kreuzes zusammen.
Die Soldaten zwingen Simon von Zyrene, der gerade vom Feld auf dem Heimweg ist, Jesu Kreuz zu tragen.
Aber die Sache mit Jesus geht ihn nichts an. Sie sollen mich in Ruhe lassen, denkt er.
Widerwillig nimmt er nicht nur das Kreuz auf seine Schultern, sondern hilft auch Jesus auf, um weiterzugehen.
Von dieser Last fast erdrück erkennt und spürt Simon, wie sehr Jesus leidet.
Wenn Hilfe gelingen soll, muss man die Situation zuerst richtig sehen und erkennen.
Wie oft aber sehen und erkennen wir nicht, dass jemand Hilfe braucht?
Wie sehr freuen wir uns, nachdem wir, trotz anfänglicher Bedenken, einem Menschen helfen konnten?
Wir wollen beten:
Herr, hilf uns, die Not unserer Nächsten zu erkennen und gibt uns die Bereitschaft, unseren Teil zur Linderung der vielfaltigen Nöte beizutragen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Das Kreuz will niemand mit dir tragen, / du trägst allein all unsere Schuld; /
Du könntest billig dich beklagen, / du schweigst und trägst es mit Geduld.
6. Station: Veronika reicht Jesus das Schweißtuch
Nur im apokryphen Nikodemusevangelium begegnen wir der Veronika, die wie viele andere von Jesus geheilt wurde. Dort heißt es z.B.:
Und ein anderer Jude eilte herbei und sagte:
Ich war bucklig, und er hat mich durch ein Wort gerade gemacht.
Und wieder ein anderer sagte: Ich war aussätzig, und durch ein Wort heilte er mich.
Und ein Weib mit Namen Veronika schrie von weitem und sagte:
Ich litt am Blutfluss und berührte den Saum seines Gewandes, und der Blutfluss, der zwölf Jahre angedauert hatte, hörte auf.
Bildbetrachtung:
Genau wie in der Erzählung des Evangelisten Lukas von der kranken Frau (Lk 8,43-48), in der jedoch die Frau namenlos bleibt, lässt der Künstler hier Veronika ebenfalls von hinten an Jesus herantreten. Sie reicht ihm das Tuch, damit er sich ein wenig Blut, Staub und Schweiß abwischen kann. Das Tuch ist noch rein weiß. Vielleicht ein Hinweis darauf, dass nicht ein Tuch das Bild Jesu zeigen wird, sondern wir selber erst zum Bild Jesu, zu seinem Ebenbild werden sollen. Und fast schaut es so aus, als wolle Veronika mit dem Tuch uns dies verkündigen, uns dies klar machen. Dabei ist in ihrem Namen Veronika doch schon versteckt, was diese Szene wiedergeben möchte: Der Name Veronika heißt ja „wahres Bild“, „wahre Ikone“. Sie soll - wie jeder Mensch - ein wahres Bild Jesu sein. Das erinnert uns an den Schöpfungsbericht, in dem es heißt: Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn (Gen 1,27). Veronika macht es uns hier vor, indem sie sich dem elenden, verfolgten, misshandelten und todgeweihten Menschen zuwendet. Genau damit wird sie zum Bild Jesu, zum Abbild Gottes. Das Tuch selbst kann deshalb leer bleiben. Vielleicht wurde diese Kreuzwegstation eingefügt, um uns alle daran zu erinnern, wer wir sein sollen: Bild, Abbild Jesu.
Wir wollen beten:
Guter Gott,
in unseren Tagen gibt es viel Elend, Flucht, Verfolgung, und wir sind in Gefahr, wegzusehen. Unser Mitleid hält sich oft in Grenzen. Erinnere uns mit Veronika immer daran, solches Leid anderer Menschen zu sehen und zu helfen, wo immer es möglich ist, so dass christliche Nächstenliebe nicht nur ein Wort bleibt. Hilf uns, danach zu streben, dein Bild zu werden und die leidenden Schwestern und Brüder in den Krisengebieten der Welt und bei uns nicht zu übersehen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Geliebter Heiland, Mann der Schmerzen, / ach, zeige mir dein Angesicht /
und präg es ab in meinem Herzen, / o Jesus, meiner Seele Licht.
7. Station: Jesus fällt zum zweiten Mal unter das Kreuz
Der Psalmist schreibt:
Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch, der Leute Spott, vom Volk verachtet. Alle, die mich sehen, verlachen mich, verziehen die Lippen, schütteln den Kopf: Wälze die Last auf den Herrn! Er soll ihn befreien, er reiße ihn heraus, wenn er an ihm Gefallen hat. (Ps 22,7-9):
Bildbetrachtung:
Das Bild erscheint auf den ersten Blick sehr abstrakt. Nur der nach oben aus dem Bild ragende dicke Holzbalken, links davon Holzsplitter und der auf der rechten Seite dargestellte Häscher fallen ins Auge.
Erst auf den zweiten Blick erkennt man links unten den Kopf Jesu, links daneben eine Hand, die wie Jesu Kopf unter dem Kreuzesbalken liegt und rechts die andere Hand mit dem Oberarm Jesu, die in fast unnatürlicher Haltung auf dem Kreuzesbalken liegt. Jesus wird vom Kreuz fast erdrückt: Sind es unsere Wünsche und Lebensziele, die unerreichbar sind, uns ins Straucheln und zu Fall bringen und die auch auf Jesus lasten?
Der Körper Jesu wird auf der rechten unteren Seite des Bildes durch nur schemenhaft dargestellte Objekte halb verdeckt. Sind es die Gaffer und Schaulustigen am Wegesrand, die sich zu ihm hinabbeugen und verspotten. Vielleicht mit den Worten: „Zier dich nicht so, steh‘ auf!“ oder „Du bist selbst schuld! Das hast du dir selbst eingebrockt!“
Auch der links vom Kreuzesbalken stehende Häscher fällt jetzt ins Auge. Beide Soldaten strecken die Hände abwehrend aus. Sie haben einen Auftrag zu erfüllen, sind in Zeitdruck und müssen den Weg frei machen. Die Miene des rechten Soldaten zeigt keinerlei Regung, kein Mitgefühl oder Mitleid.
Wir wollen beten:
Guter Gott, wie oft beten wir im Vaterunser „dein Wille geschehe“ und hätten gerne, dass unser Wille geschehe, unsere Wünsche erfüllt werden. Und wenn unsere Wünsche unerfüllt bleiben und unsere Ziele unerreichbar sind und uns belasten und niederdrücken, müssen wir uns vielleicht diese Totschlag-Worte „Daran bist du selbst schuld!“ anhören.
Hilf uns, dass wir unsere Wünsche und Ziele immer wieder an dir ausrichten und korrigieren und wir unsere Mitmenschen nicht mit diesen Totschlag-Worten verletzen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Mit welcher Mühe und Beschwerde / trägt Jesus seines Kreuzes Last, /
doch abermals stürzt er zur Erde / und büßt, was du verschuldet hast.
8. Station: Jesus begegnet den weinenden Frauen von Jerusalem
Bei Lukas lesen wir in 23. Kapitel:
Es folgte ihm eine große Menge des Volkes, darunter auch Frauen, die um ihn klagten und weinten. Jesus wandte sich zu ihnen um und sagte: Töchter Jerusalems, weint nicht über mich; weint vielmehr über euch und eure Kinder! Denn siehe, es kommen Tage, da wird man sagen: Selig die Frauen, die unfruchtbar sind, die nicht geboren und nicht gestillt haben. Dann wird man zu den Bergen sagen: Fallt auf uns! und zu den Hügeln: Deckt uns zu! Denn wenn das mit dem grünen Holz geschieht, was wird dann erst mit dem dürren werden? (Lk 23,27-31)
Bildbetrachtung:
Das Bild wird von drei Personen dominiert: im Zentrum steht Jesus mit dem Kreuz, das auf seiner Schulter liegt und das er mit seinem rechten Arm umschließt und hält. Er ist einer vor ihm knieenden Frau zugewandt und hat ihr seine linke Hand auf die Schulter gelegt. Sie blickt zu ihm auf und hebt ihre Hand, so, als wolle sie Jesus umarmen und festhalten.
Etwas abseits steht der Soldat. Sein Blick und seine Hand sind auf Jesus hin ausgerichtet, als wollte er sagen: Geh weiter, lass die weinenden Frauen! Doch Jesus wendet sich noch in seiner dunkelsten Stunde den Menschen zu und nimmt sie wahr und ernst.
Die Bibel berichtet uns, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, um ihr die Friedenssehnsucht zu erfüllen. Doch eine heile Welt war es für viele und besonders für Frauen bestimmt nicht. Vielleicht haben die Frauen das Wirken Jesu miterlebt, sich Verbesserungen für ihre Lebenssituationen erhofft und trauern nun aufrichtig um ihn.
Doch Jesus hat für die Frauen keinen Trost. Er weiß, dass der Friede brüchig ist, dass Krieg auf Jerusalem zukommt und mit dem Krieg ein vielfältiges Leiden der Bevölkerung und besonders der Frauen.
Wir wollen beten:
Guter Gott, du hast deinen Sohn gesandt, damit er uns den Frieden, wie du ihn verstehst, vorlebt. Dennoch ist der Frieden auf dieser Welt so brüchig, im Kleinen wie im Großen. Hilf uns, deinen Frieden zu leben und bewahre uns vor Situationen, in denen wir versucht sind, zu den Bergen zu sagen: „Fallt auf uns!“ und zu den Hügeln: „Deckt uns zu!“
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Allzeit will ich die Sünd bereuen, / sie ist, o Jesus, deine Pein. /
Mehr als den Tod will ich sie scheuen; / dann wirst du, Herr, mit gnädig sein.
9. Station: Jesus fällt zum dritten Mal.
Bei Jesaia, 53,2b-4 lesen wir:
Er hatte keine schöne und edle Gestalt, sodass wir ihn anschauen mochten. Er sah nicht so aus, dass wir Gefallen fanden an ihm. Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. Wie einer, vor dem man das Gesicht verhüllt, war er verachtet; wir schätzten ihn nicht. Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.
Betrachtung zum Bild
Die Beine haben wieder versagt. Jesus ist entkräftet, sein rechter Arm und die Hand sind ganz schlaff. Aber mit seiner linken Hand hält er das Kreuz mit zwei Fingern noch im Gleichgewicht. Hat der Künstler dabei Daumen und Zeigefinger zufällig in Form des Siegeszeichens V gebildet?
Der Mann, der zu Tragen helfen soll, wirkt seltsam zögerlich, fast unsicher. Was hindert seine Hand am Zupacken? Oder will er lieber Distanz halten?
Trotz der Kraftlosigkeit hält Jesus den Kopf würdevoll aufrecht, die Augen halb geschlossen, der Blick nach innen gewendet. Er weiß, dass er weiter gehen muss bis zum Tod, aus Gehorsam zum Vater – und für uns.
Wir wollen beten:
Immer wieder begegnen wir Menschen, die in Not sind. Herr Jesus, vergib uns unser Zögern dort zu helfen, wo Hilfe wirklich notwendig ist.
Herr Jesus, manches Mal haben wir selbst schon gefühlt, wie es ist, am Ende unserer Kräfte zu sein. Als wir aber weitergehen konnten, wussten wir nicht immer, woher da Hilfe gekommen war. Sollten wir aber einmal erleben müssen, dass wir wirklich am Ende sind, dann wende unseren Blick zu dir, der du auf uns zukommst.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Du willst zum dritten Male fallen, / doch deine Lieb erlieget nicht; /
sie hilft mit reichen Gnaden allen, / wenn unsre Kraft zusammenbricht.
10. Station: Jesus wird seiner Kleider beraubt
Im Lukasevangelium lesen wir:
Sie verteilten seine Kleider, indem sie das Los über sie
warfen, wer was bekommen sollte. (Lk 23,34b)
Betrachtung zum Bild:
Wir erkennen in der Mitte des Bildes Jesus, mit der Dornenkrone auf dem Kopf.
Rechts und links zieht jeweils ein Legionär an seinem Mantel.
Jesus lässt dies alles teilnahmslos über sich ergehen, auch die Legionäre zeigen keine Emotion.
Wir wollen beten:
Herr Jesus,
in diesem Moment der Erniedrigung und des Verlustes, denke ich an Dein unermessliches Leiden. Du wurdest Deiner Kleider beraubt, aber auch Deiner Würde und Deines Ansehens. Hilf mir, die Momente in meinem Leben zu erkennen, wo ich andere verletze oder erniedrige.
Lass mich verstehen, dass wahre Würde nicht von äußeren Dingen abhängt, sondern von der Liebe, die wir in unseren Herzen tragen. Gib mir die Kraft, die Bedürftigen und Ausgegrenzten zu unterstützen, und ihnen die Achtung und den Respekt zu schenken, die sie verdienen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre, o Herr, meine Stimme. (GL 511)
Zugehörige Liedstrophe:
Das Kleid wird Jesus abgerissen; / aus allen Wunden fließt das Blut; /
So muss dein Heiland für dich büßen, / sieh, was die Liebe für dich tut.
11. Station: Jesus wird ans Kreuz genagelt
Der Evangelist Lukas schreibt dazu:
Sie kamen zur Schädelhöhe; dort kreuzigten sie ihn und die Verbrecher, den einen rechts von ihm, den andern links.
Jesus aber betete: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,33-34)
Betrachtung/Meditation
Jesus wird gekreuzigt und steht mit dem Rücken zur Wand.
Oder?
Die Darstellung zeigt für mich etwas anderes. Er wird zwar von einem Soldaten festgenagelt - jedoch, sehe ich kein Kreuz und er steht nicht mit dem Rücken zur Wand. Sein Rücken ist frei – eine spannende Darstellung, wie ich finde. Jesus scheint auch nicht in seinem Schicksal zu verharren. Es wirkt auf mich, als wolle er weiter. Vielleicht sogar mit dem Kopf durch die Wand!? Zeigt er seinem Schicksal die kalte Schulter?
Er versucht die Mauer des Todes zu durchbrechen und diese Mauer bröckelt schon.
Jesus betet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.Ich habe seit geraumer Zeit den Eindruck, dass in unserem Land und auch weltweit viele nicht mehr wissen, was sie tun. Menschenrechte und alles, was die Botschaft Jesu ausdrücken will, scheint im Wege zu stehen. Einfache Lösungen – die vor allem alles Schwache und Schutzbedürftige aus dem Weg räumen möchten – gelten als heilbringend. Jesus zeigt uns, dass wir Christen uns dadurch nicht beeindrucken lassen sollen. Selbst wenn wir uns manchmal hoffnungslos und an die Wand gedrückt fühlen – fordert er uns auf weiterzugehen und die Mauern alles Unmenschlichen zu durchbrechen.
Wir wollen beten:
Herr und Gott, gib uns stets den Mut und die Kraft uns für dein Wort stark zu machen und die vielen Mauern der Menschenfeindlichkeit zu durchbrechen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Du darfst nicht über Leiden klagen, / bedenke, Christ, für dein Schuld /
wird Jesus an das Kreuz geschlagen; / er schweigt und leidet mit Geduld.
12. Station: Jesus stirbt am Kreuz
Dazu schreibt Lukas:
Es war schon um die sechste Stunde, als eine Finsternis über das ganze Land hereinbrach - bis zur neunten Stunde. Die Sonne verdunkelte sich. Der Vorhang im Tempel riss mitten entzwei. Und Jesus rief mit lauter Stimme: Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist. Mit diesen Worten hauchte er den Geist aus. Als der Hauptmann sah, was geschehen war, pries er Gott und sagte: Wirklich, dieser Mensch war ein Gerechter. (Lk 23,44-47)
Betrachtung zum Bild:
Nachdem Jesus den Geist ausgehaucht hat, fällt sein geschändeter Körper in sich zusammen. Nur die Fixierungen der Hände halten noch seinen Körper am Kreuz und es hat den Anschein, dass der Querbalken vom Kreuz sich schon mächtig unter der Last durchbiegt.
Sowohl der Hauptmann auf der einen Seite als auch der Soldat auf der anderen Seite haben jeder eine Hand nach außen gestreckt. Es scheint so, als wollten sie Jesus auffangen, falls er herabfallen würde. Jedoch schauen sie hierbei nicht auf Jesus, sondern haben zueinander Blickkontakt, denn der Hauptman teilt dem Soldaten mit, dass dieser Mensch am Kreuz ein Gerechter war.
Wenn ich das Bild weiter unten betrachte kommt mir das Wort „Scherbenhaufen“ in den Sinn. Denn die Beine und Füße von Jesus sind nicht ausgearbeitet. Stattdessen befinden sich in diesem Bereich viele kleinere Terrakotta Scherben, die den Eindruck einer Zerstörung hinterlassen.
Wir wollen beten:
Herr, wir wissen, welche Last dein Sohn für uns aufgenommen hat. Es ist eine so große Last, dass sogar das Kreuz sich darunter verbiegt. Aber wir wissen auch, dass du letztlich keinen Scherbenhaufen hinterlassen hast, sondern durch deine Auferstehung uns mitnimmst in die Hoffnung auf unsere eigene Auferstehung und unser ewiges Leben. Erhalte uns jederzeit den Mut, die Kraft und die Zuversicht, daran zu glauben.
Zu dir rufen wir:
Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre, o Herr, meine Stimme (GL 511)
Zugehörige Liedstrophe:
Du, Jesus, bist am Kreuz gestorben, aus Liebe wählst du diesen Tod. /
So hast du mir das Heil erworben / o ewig lieb ich dich, mein Gott.
Station 13 - Jesus wird vom Kreuz abgenommen
Der Evangelist Lukas berichtet uns:
Und siehe, da war ein Mann mit Namen Josef, ein Mitglied des Hohen Rats und ein guter und gerechter Mensch. Dieser hatte ihrem Beschluss und Vorgehen nicht zugestimmt. Er war aus Arimathäa, einer jüdischen Stadt, und wartete auf das Reich Gottes. Er ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu. Und er nahm ihn vom Kreuz, hüllte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch niemand bestattet worden war. Das war am Rüsttag, kurz bevor der Sabbat anbrach.
Die Frauen in seiner Nachfolge, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, sahen das Grab und wie der Leichnam bestattet wurde. Dann kehrten sie heim und bereiteten wohlriechende Salben und Öle zu. Am Sabbat aber hielten sie die vom Gebot vorgeschriebene Ruhe ein. (Lk 23,50-56)
Bildbetrachtung:
Auf dem Relief sind vier Personen abgebildet.
Es sind wohl Josef aus Arimathäa - ein Ratsherr, der dem Todesurteil an Jesus nicht zugestimmt hat - er steht auf der rechten Seite, seine Hand ruht auf dem Bein Jesu - berührt ihn - sein Blick ist voller Mitgefühl mit dem Toten, dabei ist sein Haupt geneigt und erweist Jesus seine Ehre.
Jesus und Maria sind im Zentrum der Darstellung. Der Körper Jesu liegt auf dem Schoß Marias - die Darstellung „Klassische Pieta“ - Darstellung des Verlustes und Mitgefühls einer Mutter mit ihrem toten Sohn.
Maria mit Jesus im Mittelpunkt wirkt mit ihren geschlossenen Augen sehr bei sich - ihre rechte Hand ist ausgestreckt und ihre Finger scheinen auf ein Jenseits zu deuten - die linke Hand ist gespreizt und scheint von Schmerz gekrümmt.
Jesus liegt oder mit geschlossenen, aber wie offen wirkenden Augen, er hat den Kreuzestod überstanden - seine Gesichtszüge scheinen gelöst, sein schlaff auf die Erde herabhängender Arm möchte sagen: Diese Welt, diesen Boden habe ich verlassen. Seine linke Hand wirkt, als ob sie auf seiner Wunde – die des Lanzenstichs - zu ruhen scheint. Seine Beine sind deutlich zu sehen - sie wurden nicht zerschlagen.
Daneben eine Frau, wahrscheinlich Maria von Magdala, in der linken unteren Ecke des Reliefs kauernd, wie kniend - ihr Blick schaut in eine nicht fassbare Ferne. Sie steht in ihrer Darstellung stellvertretend für die Frauen, die Jesus gefolgt sind und am Grab waren.
Kein Blick der Dargestellten geht in die Höhe - nur das leere Kreuz im Hintergrund links richtet unseren Blick nach oben und kann von uns als Verweis auf die Hoffnung und die kommende Auferstehung verstanden werden.
Wir wollen beten:
Guter Gott,
du kennst jeden und jede von uns.
Leid überstehen braucht Kraft, Hoffnung, Zuversicht. Sende uns allen deinen Geist der Liebe. Trage uns und halte uns, wenn wir nicht weiterwissen.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Ich liege, Mutter, dir zu Füßen, / nimm gnädig an mich als dein Kind; /
o lass mich Jesu Wunden küssen / und weinen über meine Sünd.
14. Station: Jesus wird ins Grab gelegt
Beim Evangelisten Lukas lesen wir:
[Er] hüllte ihn in ein Leinentuch und legte ihn in ein Felsengrab, in dem noch niemand bestattet worden war. Das war am Rüsttag, kurz bevor der Sabbat anbrach.
Die Frauen in seiner Nachfolge, die mit Jesus aus Galiläa gekommen waren, sahen das Grab und wie der Leichnam bestattet wurde. Dann kehrten sie heim und bereiteten wohlriechende Salben und Öle zu. Am Sabbat aber hielten sie die vom Gebot vorgeschriebene Ruhe ein. (Lk 23, 53-56 )
Bildbetrachtung:
Jetzt ist der raue Ton in Joris Bild dominant. Nur noch vereinzelte blaue Steine sind sichtbar, alles deutet nach unten, zur Grabesstätte hin. Was haben wohl Josef von Arimathäa, Nikodemus und Maria von Magdala gedacht, als sie Jesus ins Grab legten? Auffallend Maria von Magdalas rechte Hand, deren Geste der Hand von Maria, Jesu Mutter, in der 4. Station ähnelt. Fein herausgearbeitet sind eigentlich nur die Hände und die Gesichter, die anderen Gliedmaßen sehen wie Muskelstränge aus. Man kann nicht genau erkennen, ob Maria Jesus ins Gesicht sieht. Nur der rechte Mann, der Jesu Kopf in der Armbeuge hält, tut dies. Scheinbar abwesend, in Gedanken versunken, der Blick der linken Person, die über Jesus hinwegschaut. War das jetzt, ist das das schon das endgültige Ende? Am Aschermittwoch wurden wir an unsere Endlichkeit erinnert, mit all seinen Abschieden von lieb gewonnenen Menschen, von intensiven Momenten. Die Natur macht es uns vor, denken wir nur an das Weizenkorn, das sterben muss, damit etwas Neues entstehen kann. Wie geht es mir selbst bei dem Gedanken, ins Grab gelegt zu werden? Was werde ich wohl denken in diesem scheinbar letzten Moment? Fürchte ich mich davor, weil ich nicht weiß, was danach kommt? Das irdische Leben geht ohne mich weiter, ab und zu wird mein Grab besucht werden, vielleicht wird eine Kerze angezündet… Und doch macht uns Jesus Hoffnung “am 3. Tage auferstanden von den Toten“. Es ist scheinbar nur eine kurze Zeit, die uns vom Totsein und dem himmlischen Reich trennt. So bleibt mir eine vielleicht kindliche Neugierde auf das, was danach kommt. Denn das ist das Geheimnis unseres Glaubens, dass der Tod nur ein weiterer Schritt ist und nicht das Ende.
Wir wollen beten:
Du Jesus am Kreuz hast uns vorgelebt, sich treu zu bleiben, denn das hat sich gelohnt. Gib uns die Kraft und den Mut, dir zu folgen, damit wir nicht verzagen, sondern aufrecht bleiben trotz aller Widrigkeiten, die das Leben so mit sich bringen kann.
Darum rufen wir zu Dir:
Aus der Tiefe rufe ich zu Dir (GL 511)
Dazugehörige Liedstrophe:
Ich will mit Dir, o Jesus sterben/ der Welt, dem Fleisch, der Eitelkeit;/
nur so kann ich das Heil erwerben, / nur so eingehn zur ewgen Freud.
15. Station: Jesus ist vom Tode auferstanden
Der Evangelist Lukas berichtet uns:
Am ersten Tag der Woche gingen die Frauen mit den wohlriechenden Salben, die sie zubereitet hatten, in aller Frühe zum Grab. Da sahen sie, dass der Stein vom Grab weggewälzt war; sie gingen hinein, aber den Leichnam Jesu, des Herrn, fanden sie nicht.
Und es geschah, während sie darüber ratlos waren, siehe, da traten zwei Männer in leuchtenden Gewändern zu ihnen. Die Frauen erschraken und blickten zu Boden. Die Männer aber sagten zu ihnen: Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten? Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden. (Lk 24,1-6a)
Bildbetrachtung:
Wir sehen einen kraftvollen, muskulösen Jesus aus seinem Grabe emporkommen. Die Soldaten, die sein Grab bewachen sollten, damit keiner sich an dem Leichnam Jesu zu schaffen machen oder ihn gar stehlen könnte, fliehen oder sind wie betäubt von dem, was geschieht. Alles scheint zu zerbersten, wie bei einem Erdbeben, von dem uns Matthäus ja berichtet. Auch die Leichenbinden sind zerrissen. Der Künstler zeichnet hier kein Bild eines glücklichen, von irgendjemandem geretteten Menschen. Sein Jesus ist vielmehr einer, der mit großem Ernst und übernatürlicher Kraft seine Göttlichkeit zeigt. Er ist nicht einfach auferweckt worden, sondern selber auferstanden aus dem Todesgrab. Diese Tatsache eines neuen Lebens ist für Paulus so ungeheuerlich, dass er sagen kann: „Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten. Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“ (1 Kor 15, 21f)
Ohne diese Hoffnung wollte uns der Künstler nicht den Kreuzweg gehen lassen. „Mit Christus wurdet ihr in der Taufe begraben, mit ihm auch auferweckt, durch den Glauben an die Kraft Gottes, der ihn von den Toten auferweckt hat.“ (Kol 2,12)
Zu dieser Hoffnung und zu diesem Leben sind wir alle berufen.
Wir wollen beten:
Guter Gott,
in unserem täglichen Leben sind wir oft kleingläubig und ohne große Hoffnung. Wir sind sogar in Gefahr, dass unser Glaube langsam und unmerklich einfach verdunstet. Komm uns deshalb zu Hilfe, dass wir deinem Wort wieder vertrauen und unser Leben als mit Hoffnung und Sinn noch über den Tod hinaus erfüllt erfahren.
Darum rufen wir zu dir:
A: Aus der Tiefe rufe ich zu dir, höre o Herr, meine Stimme (GL 511).
Zugehörige Liedstrophe:
Du bist lebendig hier zugegen, / hast neu das Leben uns gebracht. /
So woll´n auch wir auf allen Wegen / Gott beten an und seine Macht.
Schlussgebet:
Herr,
oft meinen wir, dass Leiden ohne jeden Sinn ist. Doch dein eigenes Leiden und Sterben lehrt uns, dass sich darin trotz allem Hoffnung zeigen kann. Denn um ganz einer von uns zu sein, hast du es ertragen – solidarisch mit allen unschuldig Leidenden.
Dein Kreuz gibt uns die Zuversicht, dass Leid, Schmerz und Trauer niemals das letzte Wort haben werden. Denn nichts kann uns von deiner Liebe scheiden – nicht einmal der Tod.
Wir danken dir für diese Liebe und bitten dich: Lass uns, so wie du es uns vorgelebt hast, Menschen werden, die füreinander da sind, die miteinander gehen, lachen und weinen, tragen und ertragen. Menschen, in denen deine göttliche Liebe Gestalt annimmt.
Der Du den Tod besiegt hast, und der du lebst in alle Ewigkeit.
Amen.